Übelkeit ab Kilometer X: Was tun?
Bis Kilometer 30 läuft alles perfekt. Du fühlst dich gut, isst nach Plan, trinkst regelmäßig. Dann, plötzlich bei Kilometer 35, kommt sie: die Übelkeit. Zuerst leicht, dann stärker. Jeder Gedanke an Essen wird zur Qual. Übelkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt im Ultra ist oft kein Zufall, sondern folgt klaren Mustern. Wenn du diese kennst, kannst du handeln – oder noch besser: voraushandeln.
Die typischen Übelkeits-Phasen
Kilometer 0–15 ist die seltene Ausnahme. Übelkeit hier kommt meist durch Nervosität, zu schnellen Start oder zu viel Frühstück. Tempo reduzieren, 30 Minuten nichts essen, nur kleine Schlucke Wasser.
Kilometer 20–40 ist die erste kritische Phase. Viele Läufer erleben hier das erste Mal Übelkeit – und das hat Gründe. Die körpereigenen Glykogenspeicher leeren sich nach 90–120 Minuten, der Körper schaltet auf Fettstoffwechsel um, und diese Umstellung kann Übelkeit auslösen. Dazu kommt die Quittung für einen zu euphorischen Start: Der Körper übersäuert, der Magen rebelliert. Und wer bisher brav Gels gegessen hat, aber kein Salz, bekommt jetzt die Folgen der Zuckerübersättigung zu spüren.
Sofortmaßnahmen: Tempo um 20–30% reduzieren, 5–10 Minuten langsam gehen, keine Gels mehr, sofort auf Salziges wechseln (Brezeln, Cracker, Salzstangen), nur kleine Schlucke Wasser. Wenn es sich bessert: weiter salzige Nahrung, Tempo niedrig halten. Wenn nicht: Am nächsten VP 10–15 Minuten hinsetzen, tief atmen, Brühe trinken, Banane essen, erst dann weiterlaufen.
Kilometer 40–60 ist die klassische Ultra-Übelkeit – fast jeder erlebt sie irgendwann in diesem Bereich. Nach 5–8 Stunden Belastung ist der Magen schlicht erschöpft vom Verdauen unter ständiger Erschütterung. Dazu kommen oft Hitze zur Mittagszeit, ein mentales Tief und Geschmacksermüdung: Alles schmeckt gleich und eklig. Dieser perfekte Sturm aus körperlicher und mentaler Erschöpfung ist normal. Er geht vorbei.
Sofortmaßnahmen: Tempo stark reduzieren, am nächsten VP 15–20 Minuten im Schatten sitzen, Kopf und Nacken kühlen, tief durchatmen. Komplett andere Nahrung als bisher – wer nur Riegel hatte, wechselt auf Salziges; wer nur süß aß, probiert jetzt Brot oder Banane. Cola ist in dieser Phase oft ein Wundermittel. Mental hilft: „Das ist Kilometer 45 von 80. Das ist die härteste Phase. In 30 Minuten geht es mir besser.“ Nur bis zum nächsten VP denken. Wenn gar nichts hilft: 30 Minuten komplett pausieren, wenn möglich hinlegen, nur kleinste Schlucke Wasser, nichts essen. Diese radikale Pause wirkt oft Wunder.
Kilometer 60–80 teilt sich in zwei Szenarien. Entweder du hast die kritische Phase überstanden, der Magen hat sich beruhigt, du kannst wieder vorsichtig essen und der zweite Wind setzt ein. Oder die Übelkeit bleibt und verstärkt sich, nichts bleibt mehr drin. Im ersten Fall: kleine Portionen, weiter salzige Nahrung bevorzugen, Tempo kann leicht steigen. Im zweiten Fall: ernsthafte Überlegung, ob weitermachen oder abbrechen. Bei mehrfachem Erbrechen oder Kreislaufproblemen: sofort stoppen.
Kilometer 80+ und Zielgerade: Hier hilft oft allein die Gewissheit, dass das Ende naht. Strategie: Nur das Minimum essen, kleine Schlucke Wasser, Cola oder Brühe wenn verfügbar. Mental: „Ich schaffe das, egal wie ich mich fühle.“
Warum kommt Übelkeit immer zur gleichen Zeit?
Viele Läufer berichten: „Bei mir kommt sie immer bei Kilometer 35“ oder „Immer nach 6 Stunden.“ Das hat Gründe. Der Körper hat natürliche Zyklen von 90–120 Minuten – nach jedem Zyklus ein kurzes Tief, bei mehreren Zyklen ein kumulativer Effekt. Wer nach festem Plan isst, überlädt den Magen immer zum gleichen Zeitpunkt. Und wer aus früheren Rennen weiß, dass Übelkeit bei km 35 kommt, produziert sie durch Erwartung und Stress manchmal selbst.
Das Muster durchbrechen geht so: Starte schon bei Kilometer 20 mit salzigen Snacks, wenn Übelkeit sonst bei km 35 kommt. Laufe die ersten 30 km bewusst langsamer. Visualisiere vorher: „Bei km 35 wird’s schwer. Ich weiß das. Ich habe einen Plan.“ Und trainiere die kritische Phase – wer in Long Runs über 4–5 Stunden Ernährungswechsel übt, ist im Rennen vorbereitet.
Spezielle Situationen
Übelkeit nach einem bestimmten Gel oder Riegel ist klar erkennbar, wenn sie immer nach demselben Produkt auftritt. Dieses Produkt sofort streichen und im Training Alternativen testen. Jeder Magen reagiert anders.
Übelkeit bergab entsteht durch mechanische Erschütterung und Sodbrennen. Tempo bergab reduzieren, vor langen Abstiegen nicht zu voll essen, danach kurz pausieren. Antazida wie Rennie können helfen.
Übelkeit bei Hitze kommt meist zwischen 12 und 16 Uhr und ist oft von Kopfschmerzen und Schwindel begleitet. Sofort kühlen, Schatten suchen, Tempo stark reduzieren, nur kleine Schlucke kühles (nicht eiskaltes!) Wasser, Salz nicht vergessen.
Übelkeit nachts entsteht wenn der Körper schlafen will, aber laufen muss. Ein kurzes Power-Nap von 10–15 Minuten am VP, Koffein in Form von Cola oder Kaffee (mit Vorsicht), leicht verdauliche Nahrung und akzeptieren, dass die Nacht langsamer wird.
Gerd’s Erfahrung
Bei einem meiner ersten 100-km-Ultra kam die Übelkeit wie ein Uhrwerk bei Kilometer 42. Ich hatte es kommen sehen, ignorierte es trotzdem. „Ich muss nach Plan essen“, dachte ich. Also würgte ich noch zwei Gels runter. Resultat: Erbrechen bei km 48.
Beim dritten Ultra wusste ich, dass die Übelkeit bei km 40 kommt. Also plante ich: Bei km 35 Schluss mit Gels, Wechsel auf Salziges, 30 Minuten Tempo rausnehmen. Bei km 40 kam ein leichtes Unwohlsein – aber keine Übelkeit. Der Magen war vorbereitet. Ich finishte ohne Magenprobleme.
Die Lektion: Wenn du weißt, dass Übelkeit bei km X kommt – handle bei km X minus 10. Prävention ist alles. Heute habe ich für jedes Rennen einen Plan: „Bei km 30: Wechsel auf Salzig. Bei km 50: Brühe. Bei km 70: Cola.“ Seitdem kaum noch Magenprobleme.
Checkliste: Übelkeit ab Kilometer X
Wenn Übelkeit kommt:
Tempo sofort reduzieren – 20–30% langsamer oder gehen
10–20 Minuten aufhören zu essen
Ursache identifizieren:
Zu schnell gelaufen?
Zu viel Süßes?
Überhitzt?
Zu viel auf einmal gegessen?
Auf andere Nahrung wechseln:
Bisher süß → jetzt salzig
Bisher Gels → jetzt echtes Essen
Bisher Riegel → jetzt Banane oder Brühe
Nur kleine Schlucke Wasser – keine großen Mengen
Am VP: 10–20 Minuten hinsetzen und pausieren
Kopf und Nacken mit Wasser kühlen
Tief in den Bauch atmen, Magen entspannen
Geduld: 15–30 Minuten abwarten, dann wird es oft besser
Vorsichtig wieder aufbauen: erst Wasser → dann salzige Nahrung → dann langsam weiterlaufen
Key Takeaways
✓ Übelkeit bei km 20–40 und km 40–60 ist sehr häufig – du bist nicht allein
✓ Hauptursachen: zu schnell, zu viel Süßes, Hitze, kumulative Belastung
✓ Früh handeln ist alles – leichte Übelkeit bedeutet sofort Tempo runter und Ernährung anpassen
✓ Wechsel auf salzige Nahrung – oft die einfachste Lösung
✓ Akzeptiere Pausen – 15 Minuten Pause können dein Rennen retten
✓ Wenn Übelkeit immer bei km X kommt: handle bei km X minus 10 – Prävention schlägt Reaktion
✓ Cola, Brühe, Bananen – die drei Retter bei Übelkeit
✓ Nach Erbrechen: 20–30 Minuten warten, dann vorsichtig wieder aufbauen
✓ Mehrfaches Erbrechen plus Kreislaufprobleme: Abbruch erwägen – Gesundheit geht vor
