Es gibt Rennen, die haben eine Streckenlänge, ein Ziel und eine Finishline. Beim Backyard Ultra gibt es das nicht. Du läufst eine Runde von 6,7 Kilometern, kommst zurück zum Start, hast vielleicht 10 Minuten Pause – und musst dann freiwillig wieder aufstehen und die nächste Runde beginnen. Jede Stunde. Solange bis nur noch einer übrig ist, oder wie bei meinem Wettkampf 24 Stunden vergangen sind.
Kein Finisher. Kein „Ich habe es geschafft.“ Nur der Letzte der noch läuft gewinnt – alle anderen sind DNF. Willkommen beim Backyard Ultra, dem Format das die Ultraszene in den letzten Jahren komplett aufgemischt hat. Ich habe mich für Ende Juni zu meinem ersten Backyard Wettkampf angemeldet. 24 Stunden, klassisches Format, 6,7 km pro Runde. Ich weiß noch nicht genau was mich erwartet – aber ich habe mich intensiv damit beschäftigt, und in dieser Artikelserie nehme ich euch mit auf die Vorbereitung. Was ist Backyard Ultra? Wie trainiert man dafür? Was passiert mental wenn man Runde für Runde weitermacht? Und wie überlebt man die Nacht?
Was ist Backyard Ultra?
Das Format wurde 2011 von Lazarus Lake erfunden – dem Mann hinter dem berüchtigten Barkley Marathons. Die Idee war simpel und brutal zugleich: Alle Teilnehmer starten gemeinsam, laufen eine Runde von genau 6,7 Kilometern und müssen vor Ablauf der Stunde zurück sein. Wer es nicht schafft, scheidet aus. Dann beginnt die nächste Runde. Und die nächste. Solange bis nur noch ein Läufer übrig ist – der einzige offizielle Finisher.
6,7 Kilometer klingt nach wenig. Und die erste Runde ist es auch. Aber nach 10 Runden hast du 67 Kilometer in den Beinen. Nach 20 Runden sind es 134 Kilometer. Und du läufst immer noch. Jede Stunde. Auf derselben Runde. Am selben Ort. Vorbei an denselben Bäumen, denselben Steinen, denselben Gesichtern. Das 24-Stunden-Format bedeutet maximal 24 Runden – also knapp 161 Kilometer. Das ist die Grenze die das Rennen setzt, nicht die eigene Erschöpfung. Und das verändert alles.
Warum Backyard Ultra anders ist als jeder andere Ultra
Beim normalen Ultra läufst du von A nach B. Du weißt wie weit es ist, du kannst dir einteilen, du siehst das Ziel. Beim Backyard gibt es kein B. Es gibt nur die nächste Runde. Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Es ist ein riesiger.
Beim normalen Ultra kämpfst du gegen die Strecke. Beim Backyard kämpfst du gegen dich selbst – jede einzelne Stunde neu. Du entscheidest aktiv aufzuhören. Niemand nimmt dir die Startnummer ab, niemand zieht eine Zeitgrenze die dich rauszwingt. Du stehst einfach nicht mehr auf. Das ist mental etwas völlig anderes, und viele erfahrene Ultraläufer berichten dass Backyard das Härteste ist was sie je gemacht haben – nicht wegen der Distanz, sondern wegen dieser Entscheidung.
Dazu kommt die Monotonie. Dieselbe Runde, wieder und wieder. Was zunächst beruhigend klingt – du kennst die Strecke, keine Navigation, keine Überraschungen – wird nach Stunden zur eigenen mentalen Herausforderung. Der Kopf sucht nach Abwechslung und findet keine. Er fängt an zu rechnen: „Noch 14 Runden. Noch 13. Noch 12.“ Das ist eine Falle. Und dann ist da noch das Zeitfenster. Bei 6,7 km und einem moderaten Tempo von etwa 45–55 Minuten pro Runde hast du vielleicht 5–10 Minuten Pause. In dieser Zeit musst du essen, trinken, Schuhe checken, Blasen versorgen, kurz durchatmen – und dann wieder aufstehen. Kein Luxus, keine langen Verschnaufpausen. Runde für Runde.
Die Phasen eines Backyard Ultras
Ein 24-Stunden-Backyard folgt einem relativ klaren Muster, auch wenn jeder Läufer es anders erlebt.
Die ersten 6–8 Runden sind trügerisch einfach. Das Tempo ist gemächlich, die Gruppe läuft zusammen, es wird geredet und gelacht. Viele machen hier den klassischen Fehler: Sie laufen zu schnell, genießen die Gesellschaft, vergessen die Stunden die noch kommen. Die erste Hälfte eines Backyard entscheidet die zweite.
Runde 8–14 ist die Phase wo es zur Arbeit wird. Die Beine werden schwer, die Runden fühlen sich länger an obwohl sie es nicht sind. Das Zeitfenster zwischen den Runden schrumpft gefühlt. Ernährung wird kritisch – wer jetzt nicht regelmäßig isst, zahlt später den Preis.
Runde 14–18 ist die Nachtphase bei einem abendlichen Start, oder die Mittagshitze bei einem Morgenstart. Das ist die härteste Phase. Müdigkeit, Monotonie und körperliche Erschöpfung treffen aufeinander. Hier gehen die meisten raus – nicht weil der Körper komplett versagt, sondern weil der Kopf aufhört zu kämpfen.
Die letzten Runden, wer sie erreicht, sind ein eigenes Kapitel. Der Körper ist am absoluten Limit, aber der Kopf hat einen Schalter umgelegt. Du funktionierst im Überlebensmodus. Jede Runde ist ein Sieg.
Was diese Artikel Serie abdeckt
Backyard Ultra ist komplex genug um eine eigene Wissensdatenbank zu füllen. Diese Serie besteht aus dem Übersichtsartikel den du gerade liest, und je einem ausführlichen Artikel zu den wichtigsten Themen:
Training für Backyard Ultra – Wie bereitest du dich auf ein Format vor das keine feste Distanz hat? Was ist anders als beim normalen Ultra-Training? Welche Einheiten machen wirklich den Unterschied?
Pacing und Strategie – Wie schnell läufst du die einzelnen Runden? Wie viel Puffer brauchst du? Wann ist Gehen sinnvoll, wann kostet es zu viel Zeit? Und wie planst du die Übergänge zwischen den Runden?
Ernährung beim Backyard Ultra – Essen und Trinken in einem engen Zeitfenster, Runde für Runde, über viele Stunden. Was funktioniert, was nicht, und wie trainierst du deinen Magen auf dieses ungewöhnliche Muster?
Der mentale Kampf – Die Entscheidung aufzuhören liegt immer bei dir. Wie gehst du mit der Monotonie um? Wie überlebst du die Nacht mental? Und wie schützt du dich vor dem gefährlichsten Feind beim Backyard – dem inneren Schweinehund der sagt „eine Runde weniger ist auch okay“?
Ausrüstung und Logistik – Was packst du in deine Base-Camp-Box? Welche Schuhe, welche Schichten, welches Licht? Und wie organisierst du die kurzen Pausen so effizient dass du keine Zeit verschwendest?
Die Nacht überstehen – Der Nachtabschnitt ist beim Backyard ein eigenes Rennen im Rennen. Kälte, Müdigkeit, schlechte Sicht und der Biorhythmus der schreit „leg dich hin.“ Wie bereitest du dich vor und wie kommst du durch?
Gerd’s Perspektive
Ich stehe kurz vor meinem ersten Backyard und es wäre gelogen wenn ich sage dass ich keinen Respekt davor habe. Respekt schon – Angst nein. Was mich an diesem Format reizt ist genau das was es so brutal macht: die Freiwilligkeit. Niemand kann mich rauswerfen. Ich entscheide wann es vorbei ist.
Mein Ziel für diesen ersten Backyard ist nicht zu gewinnen. Es ist zu verstehen. Zu verstehen wie sich Runde 15 anfühlt. Wie die Nacht sich anfühlt. Wie der Moment sich anfühlt wo der Kopf aufhören will aber der Körper noch kann. Diese Erfahrungen sind es die ich mitnehmen will – und die ich nach dem Rennen in diese Serie einfließen lasse.
Bis dahin ist dieser Übersichtsartikel der Anfang. Die Kategorie-Artikel sind meine Vorbereitung – durchdacht, recherchiert, ehrlich. Und Ende Juni kommt das Update: So war es wirklich.
Key Takeaways
✓ Backyard Ultra bedeutet 6,7 km pro Stunde, solange bis nur noch einer läuft – kein klassischer Finisher außer dem Letzten
✓ 24 Stunden Format bedeutet maximal 24 Runden und knapp 161 Kilometer
✓ Das Zeitfenster zwischen den Runden beträgt oft nur 5–10 Minuten – Effizienz ist alles
✓ Der größte Unterschied zum normalen Ultra: Du entscheidest aktiv aufzuhören – niemand zwingt dich
✓ Die Monotonie der gleichen Runde ist eine eigene mentale Herausforderung
✓ Die Nachtphase und die mittleren Runden sind die härtesten – nicht der Start, nicht das Ende
✓ Diese Serie begleitet die Vorbereitung auf meinen ersten Backyard – ehrlich, praxisnah und mit Update nach dem Rennen
Du möchtes gleich mit dem Training beginnen? Dann bist du beim nächsten Artikel genau richtig: Training für Backyard Ultras
