Sarkopenie im Ausdauersport: Warum Muskelverlust der größte Feind am Berg ist

Viele ambitionierte Trailrunner jenseits der 50 investieren unzählige Stunden in ihre Grundlagenausdauer. Sie optimieren ihre Herzfrequenz, feilen an ihrer Laufökonomie und sammeln fleißig Höhenmeter. Doch eine der größten Gefahren für die Langlebigkeit im Sport wird dabei oft übersehen: der schleichende, altersbedingte Muskelabbau, in der Fachsprache Sarkopenie genannt.

Wenn wir diesen biologischen Prozess ignorieren, trainieren wir buchstäblich gegen unseren eigenen Körper. Die gute Nachricht ist jedoch: Wir sind diesem Abbau nicht schutzlos ausgeliefert.

Was ist Sarkopenie und warum betrifft sie uns?

Ab dem 30. Lebensjahr beginnt der menschliche Körper ganz natürlich, Muskelmasse abzubauen – anfangs nur minimal, ab dem 50. Lebensjahr jedoch deutlich beschleunigt. Dieser Prozess ist evolutionär bedingt. Muskulatur verbraucht extrem viel Energie, und wenn der Körper (aufgrund hormoneller Veränderungen im Alter) der Meinung ist, dass er diese Kraftreserven nicht zwingend zum Überleben braucht, baut er sie ab.

Der gefährliche Trugschluss vieler Ausdauersportler: „Ich laufe doch jede Woche 50 Kilometer, ich nutze meine Muskeln ja intensiv!“

Leider reicht reines Ausdauertraining nicht aus, um der Sarkopenie Einhalt zu gebieten. Laufen trainiert das Herz-Kreislauf-System und die Ausdauerfasern (Slow-Twitch-Fasern) der Muskulatur. Der altersbedingte Muskelverlust betrifft jedoch in erster Linie die schnellen, kräftigen Muskelfasern (Fast-Twitch-Fasern). Genau diese Fasern sind es aber, die wir am Berg dringend benötigen.

Der Downhill: Wenn der Stoßdämpfer fehlt

Auf einem flachen Straßenmarathon mag ein leichter Muskelrückgang durch eine gute Laufökonomie noch kompensierbar sein. Auf dem Trail sieht die Welt anders aus – besonders beim Bergablaufen.

Bei jedem Schritt im Downhill muss dein Körper das Mehrfache deines eigenen Körpergewichts abfangen. Diese sogenannten exzentrischen Belastungen sind enorm. Deine Oberschenkelmuskulatur fungiert hierbei als wichtigster Stoßdämpfer. Fehlt durch die Sarkopenie die nötige Muskelmasse und Muskelspannung, wird die Aufprallenergie ungefiltert an die passive Struktur weitergegeben: Knochen, Knorpel, Kniegelenke und Achillessehnen.

Die typischen Überlastungsverletzungen im Master-Alter (wie das Läuferknie oder Plantarfasziitis) sind daher oft gar kein Ausdauerproblem, sondern das direkte Resultat fehlender muskulärer Stoßdämpfer.

Fehlende Power im Anstieg

Sarkopenie bedeutet nicht nur weniger Masse, sondern vor allem weniger Maximalkraft. Wenn die Trails steiler werden und du in den „Power-Hike“-Modus (das zügige Gehen mit Händen auf den Oberschenkeln) wechseln musst, ist pure Kraft gefragt. Fehlt diese, ermüdest du im Anstieg überproportional schnell. Dein Herz-Kreislauf-System hätte vielleicht noch Luft für weitere 10 Kilometer, aber die Beine streiken, weil die verbliebenen Muskelfasern schlichtweg überlastet sind.

Das Gegenmittel: Neue Reize setzen

Um den Muskelverlust am Berg zu stoppen, müssen wir dem Körper ein unmissverständliches Signal senden, dass die schnellen, kräftigen Muskelfasern weiterhin gebraucht werden. Das funktioniert nur über Widerstand.

Die Lösung liegt in der intelligenten Kombination aus zielgerichtetem Krafttraining (mit echten Gewichten, um die Maximalkraft zu triggern) und einer angepassten, proteinreicheren Ernährung, die dem Körper die notwendigen Bausteine für den Muskelerhalt liefert. Wer diesen Shift in seinem Trainingsalltag vollzieht, schützt nicht nur seine Gelenke, sondern sichert sich die nötige Power für viele weitere erfolgreiche Jahre auf den Trails.

Zurück zur Übersicht von Säule 1 – Biologie verstehen und austricksen

Ähnliche Beiträge